Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Donnerstag, 13. Februar 2014

In Naltschik festgenommene tscherkessische Demonstranten offenbar schwer mißhandelt

Am 7.2.2014, dem Eröffnungstag der Olympischen Winterspiele in Sotschi, war es in Naltschik bei friedlichen Protesten zur Festnahme von 29 tscherkessischen Demonstranten gekommen  (siehe hierzu etwa meinen früheren blogeintrag). Hierüber hatten letzendlich auch deutsche Medien wie etwa die Zeitung Neues Deutschland und die Badische Zeitung berichtet. Nun werden schwere Vorwürfe gegen die lokalen Behörden laut.

Wie das kritische Informationsportal Kavkazskij uzel in russischer Sprache berichtet, seien nicht alle Festgenommenen Teil der Demonstration gewesen, auch mehrere Unbeteiligte seien verhaftet worden, so drei syrische Tscherkessen, die sich ebenfalls am Veranstaltungsort befanden.
Die Mehrheit der Festgenommenen, so die Autorin des Beitrags auf Kavkazskij uzel, sei nach stundenlangen Verhören und nach einer Vorführung bei Gericht am Abend des 8.2. 2014 dann letztendlich gegen 22:00 Uhr (8.2.2014) wieder freigelassen worden. Allerdings gibt es Hinweise darauf, daß die sechs sich noch in Haft befindlichen Demonstranten schwer mißhandelt wurden. Abubekir Murzakan, Vorsitzender der tscherkessischen Bürgerrechtsbewegung Adyge Xekuj, berichtet, ihm sei Widerstand gegen die Polizei, die Organisation ungenehmigter Aktionen, Störung der öffentlichen Ordnung und Behinderung des Straßenverkehrs vorgeworfen worden. Ruslan Gvashev, ehemaliger Vorsitzender des schapsughischen Ältestenrats, habe betont, daß es sich bei den Demonstranten keinesfalls um Extremisten handele, sondern um Menschen, die gegenüber einem für sie unerträgliches Unrecht ihre Meinung geäußert hätten.

Die kabardinische Journalistin Fatima Tlisova, die,  nach etlichen Anschlägen auf sie selbst und nach der Entführung ihres erst 16-jähirgen Sohns im Jahr 2006, seit nunmehr rund 7 Jahren selbst im US-amerikanischen Exil lebt, berichtete detaillierter über die den Behörden vorgeworfenen Mißhandlungen, zunächst am 10.2.2014 mittels folgendem post:

"Fatima Tlisova
#Nalchik anti #Sochi #Circassian arrests - names, details: Anzor Ahohov, was carried into the court room because he couldn't walk after being brutally beaten by police. His brother Aslanbek says his whole body
is badly injured, including face, arms, legs. Avis Krasovskis was attacked for taking video of arrests, three policemen pushed him to the ground, took his camera and beat him up with their boots. Aslan Begidov was taken from the prison cell and returned back brutally beaten. Kazbek Tekushev was locked to the chair a plastic bag wrapped over his head, kept like that until he passes out, repeated for hours. Aslanbek Ahohov resisted trying to defend his brother, also got beaten up. All six remain in police custody."


Übersetzung: 
"Tscherkessische Verhaftungen, Anti-Sochi, Naltschik - Namen und Details: Anzor Ahohov wurde in den Gerichtssaal getragen, da er, nachdem er von der Polizei brutal geschlagen worden war, nicht mehr laufen konnte. Sein Bruder Aslanbek berichtet, sein ganzer Körper sei übel zugerichtet, Gesicht, Arme und Beine eingeschlossen. Avis Krasovskis wurde angegriffen, weil er die Verhaftungen filmte, drei Polizisten drückten ihn zu Boden, nahmen seine Kamera und schlugen ihn unter Einsatz ihrer Stiefel zusammen. Aslan Begidov wurde aus der Gefängniszelle geholt und brutal zusammengeschlagen zurückgebracht. Kazbek Tekushev wurde auf einem Stuhl festgehalten, ihm wurde eine Plastiktüte um den Kopf gewickelt, bis er ohnmächtig wurde, dies wurde stundenlang wiederholt. Aslanbek Ahohov, der Widerstand leistete im Versuch, seinen Bruder zu verteidigen, wurde ebenfalls zusammengeschlagen. Alle sechs befinden sich weiter in Polizeigewahrsam."

Ein etwas längerer Artikel zum Thema wurde von Fatima Tlisova - eingebettet in den Hintergrund zunehmender russisch-amerikanischer Spannungen - am 12.2.2014 hier veröffentlicht.

Laut Informationen der syrisch-tscherkessischen Aktivistin Lina Zakaria Shagouj ist die momentane Lage für die 3 syrischen Tscherkessen, die sich unter den Festgenommenen befanden, besonders tragisch. Die 200 Dollar Geldstrafe, die pro Kopf von ihnen verlangt werden, dürften dabei noch das geringere Problem sein: die russischen Behörden haben den 3 Tscherkessen syrischer Staatsbürgerschaft offenbar angeordnet, Rußland innerhalb von 15 Tagen zu verlassen - wohin, bleibt unklar, denn zurück nach Syrien können sie nicht. Zwei von ihnen befanden sich offenbar zudem noch kurz vor ihrem Universitätsabschluß.

Lina Zakaria Shagouj warnt vor diesem Hintergrund alle Tscherkessen nicht-russischer Staatsbürgerschaft, sich bei zu erwartenden weiteren Protesten im Nordkaukasus nicht in die Nähe des Versammlungsplatzes zu begeben und sich auch von allen Orten, an denen Fahnen und andere No Sochi-Protestzeichen gezeigt werden, fernzuhalten. 



 

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