Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Sonntag, 21. Mai 2017

Tscherkessen sind wie Atomkraftwerke

Eine Marburger Historikerin reflektiert über politische Repression im Nordkaukasus und Behinderung von historischer Aufarbeitung

“Winston sank his arms to his sides and slowly refilled his lungs with air. His mind slid away into the labyrinthine world of doublethink. To know and not to know, to be conscious of complete truthfulness while telling carefully constructed lies, to hold simultaneously two opinions which cancelled out, knowing them to be contradictory and believing in both of them, to use logic against logic, to repudiate morality while laying claim to it, to believe that democracy was impossible and that the party was the guardian of democracy, to forget, whatever it was necessary to forget, then to draw it back into memory again at the moment when it was needed, and then promptly to forget it again, and above all, to apply the same process to the process itself—that was the ultimate subtlety: consciously to induce unconsciousness, and then, once again, to become unconscious of the act of hypnosis you had just performed. Even to understand the word “doublethink” involved the use of doublethink.”- George Orwell

Dieser Post stellt einen Rückblick dar. Einen Rückblick auf Begebenheiten, wie ich sie im letzten Jahr des öfteren erlebt habe – so häufig, daß ich nicht mehr hinterhergekommen bin und Sachverhalten und Äußerungen, das thematisiert gehört hätten, zunächst auf sich beruhen lassen mußte. Mittlerweile haben sich manche Tendenzen weiterentwickelt und ist nun einiges klarer zu sehen. In einer Begegnung vom 5. Mai 2016  mit Anna Veronika Wendland hatte die Osteuropa-Historikerin, von der auch in meinem letzten Post die Rede war, nicht nur beleidigende, schmähende Kommentare gegen mich getätigt, sondern Aussagen in Bezug auf die Tscherkessen und den an ihnen verübten Völkermord getroffen. Diese zeugten meines Erachtens von einem großen Mangel an Sensibilität und Respekt gegenüber den Opfern, einem Kleinreden der Behinderung von Aufarbeitung und von intellektuellen Leugnungs- und Vernebelungsstrategien, sowie  generell von einer fehlender Ernsthaftigkeit in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen, (russischen) Repressionspraktiken und unseren Umgang damit. 

Vorgetragen wurden einige der entsprechenden Ansichten in einem zynischen, schnoddrigen, überheblichen Tonfall, der dem Gegenstand wohl kaum angemessen gewesen sein dürfte. Während Wendland selbst gerne von "Verantwortungsethik" spricht und andere (im vorausgegangenen Falle: auf recht pauschale Weise Atomkraftgegner bzw. -kritiker) für ein unbefugtes Einnehmen einer Opferrolle und (auch hier zu lesen) eine Art "Wettbwerb im Alleingestelltsein" (bzw. Selbsthervorstreichungen) kritisiert, äußern sich über Inbezugsetzungen zum Nordkaukasus bei ihr deutlich verschobene Maßstäbe und Perspektiven. Hier sollen nun Aussagen und rhetorische Strategien, wie sie sich im Rahmen untenstehender Diskussion äußerten, noch einmal begutachtet und politisch kontextualisiert werden. Die Diskussion begann damals mit einem Mißverständnis, bzw. mit einer für meine Begriffe verdruckst, verquer und auf ambivalente Weise vorgetragenen Positionierung, die mit einer an andere Menschen gerichteten Handlungsaufforderung durch Anna Veronika Wendland verbunden war:



Ich hatte  A. V. Wendland angesichts dieses ersten Kommentars nicht geradeheraus eine Identifizierung mit Böhmermann und dessen populistischen Seiten unterstellen wollen - hätte ich das damals nur mal getan. Ich war mir nicht sicher gewesen, ob sie sagen wollte, daß es ihr in ihrer Wahrnehmung "ähnlich" gehe wie dem bekannten Fernsehmoderator, oder "ähnlich" wie seinen Kritikern und damit den Kritikern rechtspopulistischer Zusammenhänge und von Böhmermanns mangelnder Abgrenzung dazu (letzteren wird schnell das eine oder andere unlautere Motiv untergeschoben). Ich habe deswegen erst im Verlauf, gegen Ende unserer Diskussion,  nachgefragt, wie denn ihr "ähnlich" gemeint war, dann allerdings darauf auch keine Antwort erhalten. Als "linke" Atomkraftbefürworterin identifiziert sich Wendland jedoch -  das zeigt ein erneutes Lesen und Zusammendenken mit ihren übrigen Publikationen - auf eine gewissse Weise mit dem Satiriker Böhmermann, sieht sich wohl mit ihm in eine Opferrolle gedrängt,  bzw. sie fühlt sich zusammen mit anderen in eine "Ecke" (wie es in rechtspopulistischen Kreisen so schön heißt) gestellt und betont vor diesem Hintergrund, wie sie sich trotzdem eine mutige, unangepaßte Haltung bewahrt habe. 

Im Verbund damit trägt sie eine unspezifische, aber energisch vorgetragene Aufforderung an Andere vor, es ihr gleichzutun. Ich hatte diese Aufforderung - angesichts der Abwesenheit von Böhmermann auf meiner Facebook-Seite - als an mich und/oder meinen Freundeskreis gerichtet verstanden und empfand diese ungefragte wie allzu pauschale Aufforderung als unangemessen. Eine solche Handlungsaufforderung, vorgetragen in diesem Stile und vor dem Hintergrund ihrer eigenen wissenschaftlichen, publizistischen und politischen Tätigkeiten, bleibt inadäquat, nicht zuletzt, weil sie die real gegebenen Beschränkungen bei Anderen verkennt bzw. ignoriert oder kleinredet, nicht gegen diese vorgeht und selbst keine Unterstützung oder gar Schutz bietet. 

Da ich ihren Gefühlshaushalt in Bezug auf Böhmemann bzw. ihre entsprechenden Projektionsflächen nicht kannte, habe ich dann angenommen, daß solche Aufforderungen auch auf mich und meine Arbeitsthemen gemünzt waren (ansonsten hätte ich sie wohl noch einmal direkt auf den Satiriker und dessen Schüren von Vorurteilen angesprochen,  die Diskussion hätte sich dann möglicherweise in andere Richtung entwickelt). Das partielle Mißverständnis bzw. meine Annahme, Wendland könne sich nicht in der Rolle eines Menschen gesehen haben, der für das Vortragen rassistischer und religiöser Stereotypen von rechter bzw. neurechter Seite aus beklatscht wurde, ändern jedoch nichts an ihrem deutlichen Verkennen von Perspektiven und Verhältnismäßigkeit, das sie sich nun auch an andere Orten äußert, ich allerdings gleich damals, noch in ihrer Gegenwart, zu thematisieren versucht hatte.

Wendland liefert mit ihrem ersten Kommentar eine Selbstinszenierung als rundum widerständige Person und betrachtet sich wohl als Vorbild für Andere. Sie spornt an - mit welchem Recht? vor welchem Hintergrund? - und fordert dazu auf, eine widerspenstige, originelle, eigenständige Haltung an den Tag zu legen - "egal auf welchem politischen Feld". Wie sie mit einer widerständigen Meinung und konsequenten Positionierungen auf dem Feld der genozidalen Gewalt und des umfangreichen Beschweigens von Vorkommnissen im Nordkaukasus und fortgesetztem kolonialen Beherrschungsdenken (auch in unseren akademischen Institutionen und "westlichen" Publikationsorganen vorhanden) umgeht und wie wenig da von ihr "schwierige",  differenzierte und unabhängige Haltungen in der Praxis geschätzt werden, zeigt sie alsbald darauf. Ihr primäres Argument in der darauffolgenden Diskussion war, daß eine Äquivalenz zwischen dem Vertreten atomkratfreundlicher Positionen in der deutschen Öffentlichkeit und dem Einsatz für eine von Rußland verfolgte, zahlenmäßig stark dezimierte, bedrohte Minderheit bestehe.

Unterschiedliche Benachteilungen, wi sie die Tscherkessen als Minderheit erleben, summieren sich in dem Sinne, daß sie in Rußland einen mächtigen und noch dazu großteils a-demokratischen Gegner haben, sie muslimisch geprägt sind bzw. im Zuge eines kreuzzughaft entworfenen Kolonialprojektes vernichtet wurden und auch heute nicht derart im Geflecht internationaler geopolitischer Interessen stehen, daß sie daraus nennenswerte Vorteile für sich ziehen könnten. An den Tscherkessen zeigt sich meines Erachtens, wie wenig auf abstrakte, allgemeingültige Regelungen wie "Menschenrechte" und "Völkerrecht" im praktischen Sinne Verlaß ist, daß auch heute kaum auf zivilgesellschaftliches Engagement und individuelle Aufmerksamkeit zu vertrauen ist - jedenfalls dann nicht, wenn entsprechende Großinteressenslagen fehlen oder dem gar entgegenstehen. Unser Grad an Menschlichkeit und Humanismus äußert sich darum auch gerade darin, wie wir mit den Tscherkessen, deren heutigen Rechten und der russisch-tscherkessisch-europäischen Geschichte (mit ihrem Vorlagencharakter für heutige Prozesse) umgehen. Die Stille ist bislang erdrückend.

Wendland spricht von "Prügel[n]", die sie bezogen haben will. Sie schreib etwa, sie habe für ihre "linksföderalistischen Überlegungen zur möglichen politischen Reform der Ukraine, schon viel Prügel von ukrainischen Nationalisten eingesteckt" oder sie sagt (siehe unten), sie habe "bereits einige Schlachten mit den AfDlern ausgefochten". Sie meint dies allerdings rein metaphorisch.
In neuem, nunmehr klarer rechtspopulistischem Kontext bzw. auch im Zuge eigener rechtspopulistisch anverwandelter Rhetorik entrüstet sie sich darüber, daß  ihr aufgrund ihrer Haltung zu Atomkraft und zu nuklearen Katastrophen bzw. zivilen Strahlenopfern eine zynische, menschenfeindliche Einstellung vorgeworfen werde. Sie habe unter einem " Schwall von schmähenden Zuschriften" zu leiden bzw. so etwas behindere und beeinträchtige Atomkraftbefürworter so sehr, daß sich "hierzulande niemand mehr" traue, "eine sachlich-kritische Diskussion über die Energiepolitik unter Einbeziehung der nuklearen Option noch durchzustehen".
Mir gegenüber behauptet Wendland (siehe unten) bzw. versucht zu suggerieren, bei uns spiele sich jeglicher Konflikt, jede Auseinandersetzung allein auf rhetorischer Ebene ab, es sei darum nichts zu befürchten bzw. zu riskieren. Ein Eintreten für schwierige Positionen erscheint damit im Grunde als belang- und folgenlos für Andere.

Wendland weiß um den strategischen Einsatz verquerer Vergleiche bzw. schiefer Logiken und deren manipulative, destruktive Wirkung (siehe ihren feuilletonistischen Beitrag "Lingua Russiae Imperii").
 Das Apfel-Birne-Argument, das Wendland da kritisert, wo es ihr persönlich und karrieretechnisch (und anderen wohl geopolitisch) entgegenkommen dürfte, wird von ihr selbst, gegen nordkaukasische Interessen gewandt, eingesetzt..Wer auf nordkaukasischer Seite echte Prügel wegen Aktivismus für Minderheitenrechte bezieht (teils sogar wiederholt), wird von ihr zunächst nicht einmal verbal zur Kenntnis genommen bzw. sie scheint in der untenstehenden Diskussion mit vagen, ausweichenden aber pejorativen Formulierungen ursprünglich versucht zu haben, derartige Vorkommnisse (sie reichen von der Beendigung von Karrieren/Herabstufung im Amt/Arbeitsplatzverlust über die Beseitigung von Ausstellungen, die Schwierigkeit, zu publizieren und beispielsweise vor Ort zu filmen und Nachstellungen und zermürbende Anschuldigungen bis hin zu sehr konkreten Drohungen, Entführungen, Folter und Mord) abzuwiegeln bzw. sie ganz als persönliches Hirngespinst abzutun.

 In Deutschland ist immerhin mit handfesten Diskriminierungen und politisch motivierter Verdrängung aus dem öffentlichen Raum, die auch die dort lebenden Tscherkessen betrifft, zu rechnen. Die Sorge um repressierte Aktivisten und Intellektuelle und ein Pflichtgefühl in Bezug auf diese, wie auch das versuchte Ansprechen, was das Ignorieren von gewaltsamen Eingriffen in ein ganzes Themenfeld mit dem gesamten weiteren, internationalen Forschungskontext macht, daß dies zu Krieg und möglichen weiteren Formen von destruktiver Gewalt führt, wird von ihr mit sarkastischen Entgegnungen und persönlich beleidigenden Entgleisungen gekontert.

Nennt man Frau Wendland, was es tatsächlich kostet oder mit was man zumindest rechnen muß, wenn man sich für die Aufarbeitung russischer Kolonialgewalt im Nordkaukasus einsetzt oder wenn man sich zumindest für einen angemesseneren Umgang mit den Spätfolgen des Völkermordes einsetzt, dann tut sie dies, ohne klar zu benennen, was denn daran nun so absurd oder abstrus sei, als  "unterstellerisch und wahnwichtelig" ab. Eine Diskussion wünschte sie nicht, das hatte sie mehrfach betont. Auch Wendlands Kollege Jörg Baberowski hat seine Kontrahenten und Kritiker - öffentlich - als "Spinner" oder "die Untersteller" (bzw. laut Spiegel auch als "die Bekloppten" und "die Irren") bezeichnet. Einen bloßen Vorschlag von deutscher Seite, künftig dezidierter gegen illegale Haßkommentare  und Nazi-Propaganda  im Internet vorzugehen, hält Wendland dagegen für eine verdeckte Absichtserklärung duch einen "Möchtegern-Zensor", der, was ihm nicht passe, "zum Verschwinden bringen" wolle. Sie fühlt sich diskriminiert und wohl auch persönlich getroffen davon, daß ein Gastautor in einer deutschen Zeitung "Atomkraftbefürworter, Maskulisten, Evolutionsleugner, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Nazis" Seite an Seite aufgelistet hat.

In ihrem neueren Artikel "Wir Menschenverächter" hatte Anna Veronika Wendland einen Gegensatz zwischen Herz und Verstand (nur in seiner facebook-Version Version auch wörtlich so benannt) aufgemacht, während sie scheinbar ein "Dazwischen" einforderte. Tatsächlich allerdings hatte sie in einer Schwarz-Weiß-Optik argumentiert und die entsprechenden Gegensätze und Gegenüberstellungen bestärkt. Ihre auf diese Dichotomien gegründende, wortreich postulierte "Verantwortungsethik" fällt allerdings alsbald in sich zusammen, wenn die Überprüfung in der Praxis droht bzw. das Gespräch zufällig auf entsprechende Themen und Sachverhalte zusteuert und da evtl. eine Stellungnahme notwendig wäre. Nachdem ich extra noch einmal - wörtlich - herausgestellt hatte, daß es mir nicht "um ein gleichgartetes inhaltliches Interesse", sondern um "Rechte" bzw. einen "Einsatz für die Rechte anderer" "[a]uch [...]  wenn einen [...] Arbeitsthemen vielleicht dann nicht so sehr persönlich interessieren oder man einer anderen politischen Linie folgt" geht, schrieb mir Wendland als Replik (direkt darauf):

"[..] Tatsächlich bin ich aufgrund dieses Mangels an Ubiquitarität unsolidarisch mit 99% der Verfolgten dieser Erde, von denen es 70% noch dreckiger gehen dürfte als den Tscherkessen. Und damit erlaube ich mir, mich aus dieser überaus bizarren Diskussion zu verabschieden. Denn fb ist für mich keine Zwangsverpflichtung zu irgendetwas, und sei es auch eine noch so gute Sache." 
 - Anna Veronika Wendland -

Mit dieser Begründung ließe sich so ziemlich jede Handlungsaufforderung und jegliche bürgerliche Verpflichtung benachteiligten Mitmenschen und Gruppierungen gegenüber unterminieren und aushebeln. Es sind dann zufällig vielleicht immer gerade die falschen Zielgruppen, denen man Hilfe und Schutz angedeihen lassen müßte, während man selbst 'eigene Prioritäten', 'andere Interessensschwerpunkte', 'berufliche Spezialisierungen", "persönliche Vorlieben", unterschiedliche Aufmerksamkeitsfokusse und "emotionale Verbundenheit" zu gerade nicht "diesen" besitzt und ein eigenes Nichteingreifen und Ignorieren mit einer scheinbar zufälligen,  interessenlosen, nicht gesellschaftlich vermittelten individuellen Auswahl von dem, was einem "liegt", begründen kann. Die vermeintliche Beliebigkeit der persönlichen Auswahl verdeckt zudem , daß auch individuelles "Interesse" politisch bzw. gesellschaftlich konstituiert wird. Zumindest im deutschen Rahmen sollte man sich entsprechend für die Wahrung demokratischer Verhältnisse einsetzen.

Ein Handeln allein nach "persönlichen" Interessen und Vorlieben kann absolut destruktive Tendenzen befördern. Die Publizstin Caroline Emcke sagte in ihrer Friedenspreisrede dazu: "Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft."

Zur Beschädigung öffentlicher Diskurse durch "Fanatiker" (sie meint wohl, was ich Extremisten unterschiedlicher Couleur nennen würde), angesichts derer sich alle angesprochen fühlen müßten, erklärte Emcke: "Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können. Sie wollen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können."

Wendland führt in ihren Kommentare merkwürdige, vor allem angedeutete Hierarchisierungen ein, die man sich genauer ansehen sollte: Sie scheint im entsprechenden Zusammenhang auf der Basis von  Dringlichkeit und Masse (sie spricht u.a. ironisch von den "Verfolgten dieser Erde, von denen es 70% noch dreckiger gehen dürfte als den Tscherkessen") entscheiden zu wollen, was an Themen, Angelegenheiten und Menschen zuvorderst (auf gesellschaftlicher Ebene) behandelt gehört. Dabei würde bereits die einfachste Priorisierung voraussetzen, daß man sich mit gewissen Themen und politischen Zusammenhängen anhand von Faktenlagen auseinandersetzt und sie in ihren unterschiedlichen Aspekten durchdiskutiert. Dem verweigert sich Wendland aber. Sie wechselt hin und her zwischen "persönlichen Vorlieben" als legitimem Argument und "persönlichen Vorlieben" als Delegitimierungsinstrument und unterlegt letzteres mit Formulierungen wie "Wettbewerb im Alleingestelltsein", "Lieblingsthema" und "Herzensssache". Dies deckt sich mit ihren auf "achgut" eingesetzten rhetorischen Strategien (siehe dazu meinen vorangegangenen Artikel).

Eine rationale Beschäftigung mit Völkermord und dem realen gesellschaftlichen (auch internationalen ) Nutzen von geschichtswissenschaftlicher Arbeit und entsprechender Bildungspolitik (z.B. zur Konfliktprävention) findet nicht statt. Auf eine absolute Unkenntnis des akademischen "Stoffes", zu dem Wendland so stark wertende Aussagen vornimmt, ließe sogar ihre Behauptung schließen, ich habe aus einem "ganz anderen Thema" heraus etwas "konstruiert"- demzufolge hätte sich Wendland denn tatsächlich noch nie mit Islamophobie, deren Geschichte und entsprechend gebräuchlichen Stereotypen beschäftigt Vielleicht war allerdings auch dies nur vorgeschoben. Mittels rhetorischer Kniffs und Tricks wird durch sie der Eindruck vermittelt, als sei Vergangenheitsaufarbeitung zuvorderst eine Angelegenheit von Minderheiten und als ob das  ensprechende Engagement einzig und allein darauf ausgerichtet sei,  den Tscherkessen 'einen Gefallen' zu erweisen. Damit würde sich Völkermordaufarbeitung dann indirekt als egoistische Betätigung gestalten. Tatsächlich ist es Wendland, die eine stark emotionalisierte und personalisierte/ auf Einzelne und Partikularinteressen zugeschnittene Betrachtungsweise (siehe auch: "noch dreckiger gehen") pflegt. Das Partikulare und das Allgemeinmenschliche, persönliche Interessen und gesamtgesellschaftliche Aufgaben vertauschen in Wendlands Darstellungen ständig ihre Plätze.

Es erstaunt in dieser Hinsicht auch, wie im Zuge eines informaleren Gesprächs im Handumdrehen jegliche sozial- und kulturwissenschaftliche Theoriebildung zu Minderheiten-Mehrheiten-Verhältnissen, die man sich im Laufe seines universitären Bildungsweges angeeignet haben müßte, ad acta gelegt wird. Die Lage von Minderheiten ist nie alleine ein "Problem" derselben. Über Ausschlußmechanismen und entsprechende Grenzziehungen wird auch die gesellschaftliche Mehrheit bzw. deren Identität konstituiert. Eine demokratische, humane Gesellschaft mißt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit denjenigen umgeht, die an ihrem Rand stehen und die ihre Interessen und Ansprüche weniger über entsprechende Machtstellungen und numerischen Einfluß vertreten können. Man muß damit, schon aus Eigeninteresse heraus, immer auch auf die Ränder blicken und fragen, mit Hilfe welcher Mechanismen hier aus- und eingeschlossen wird und wie mit diesen "Anderen" umgegangen wird, ob dies nun Homosexuelle, "Asoziale", ethnische Minderheten, alleinstehende Frauen, "Zigeuner", "Migranten", Arbeitlose oder noch neu zu konstituierende Gruppen von Fremden und Nichtzugehörigen sind. Was bleibt evtl. regelmäßig unthematisiert? Wie konstituieren sich die dunklen Flecken in unserer Wahrnehmung? Welche Verletzungen demokratischer Normen können sich in Dunkelbereichen abspielen? Welche Folgen hat ein systematische "Entfallen" von Teilbereichen unserer Wirklichkeit für unsere Gesellschaft?

Letztendlich argumentiert Wendland - zumindest streckenweise - auch mit Gruppenrechten. Es werden von ihr, nicht nur in der vorliegenden Diskussion, Menschenrechte und Minderheitenanliegen einem scheinbar wichtigeren, größeren Menschenensemble gegenübergestellt. Sie baut unterschiedliche Gruppen gegeneinander auf. Menschenrechte sind jedoch in westlichen Gesellschaften (und internationalen Konventionen) individuell definiert. Hinzu kommt in ihren journalistischeren Texten eine schrille, plakative, aufputschende und teils wohl auch bewußt grenzverletzende Sprache; an anderem Ort beschrieb sie - damit auch ein Stück weit die  Mitwelt einer gesellschaftliche Verantwortung enthebend, die über das bloße Vorhandensein von Gesetzen hinausginge - genozidale Logiken und die Notwendigkeit eines Eintretens gegen diese als:
"Befürwortung der Versetzung von Bergen unerwünschter Menschen unter die Erde, für die es seit langem Straftatbestände gibt" - Anna Veronika Wendland -

Diese Sprechgewohnheiten zusammen mit ihrer Argumentationsstruktur erinnern ein wenig an den KBW und andere linksautoritäre Gruppierungen. Einer marxistisch-leninistischen Interpretation zufolge hätte sich der Einzelne ohnehin in seinen Interessen und Wünschen dem Kollektiv unterzuordnen; ein Eintreten für individuelle Menschenrechte wurde in der Sowjetunion gerne mal als egoistischer Akt der Selbstüberhöhung, des individuellen Ausscherens, als Verstoß gegen das Wohl der "Gesamtgesellschaft" und deren Interessenswahrung gewertet. Womöglich soll auch ich nicht einmal mehr schildern, welche Behinderungen bei historischer Aufarbeitung sogar in Deutschland existieren und was ich an tatsächlichen Diskriminierungen in dieser Hinsicht bereits selbst erlebt habe.

Während viel von "Verantwortungsethik" die Rede ist, wird tatsächlich eine Abwertung von Moral bzw. "Ethik" vorgenommen, die dann als unsinnige, unnötige, möglicherweise auch irreführende Gefühlsduselei erscheint. Entsprechende Sicherungsmechanismen, seien es die UN-Genozidkonvention und andere international gültige Regelungen, seien es der Schutz einer freien Presse und unabhängigen Wissenschaft, Geschichtsvermittlung in Schulen und Öffentlichkeit, das Vorgehen gegen Haßkommentare und Geschichtsleugnung (die Reihe ließe sich fortsetzen), wurden aber gewählt, damit sich die Entfesselung von kriegerischer Gewalt in Weltkriegen, die nationalsozialistische Judenvernichtung und der sowjetische Kahlschlag nicht wiederholen und damit ein erneutes Abgleiten in Totalitarismen verhindert wird. Was manchen Rechtspopulisten (und Nazis sowieso) als lästige Moral, als Art Zwangssystem, als Unterdrückung und Beschränkung erscheint, ist eine Art evolutionärer Bewältigungsmechanismus, eine gesellschafliche Überlebensstrategie, die sich angesichts der Katastrophen 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Ein Festhalten daran ist Verantwortung - kein "Gesinnungsterror".

Ein Appell an individuelle und gesellschaftliche Verantwortung (und sei es nur indirekt durch das Benennen entsprechender Sachverhalte) wird gewertet als die Intervention eines Spaßverderbers, der anderen etwas aufzwingen will. Dabei hält Wendland nicht auseinander, sich für das Recht einer bestimmten Person auf freie Meinungsäußerung einzusetzen und für entsprechende gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu sorgen, und diese Meinung selbst zu vertreten, sich entsprechende Inhalte zu eigen zu machen und gemäß einer partikularen Agenda zu pushen. Vielleicht wird dies auch mit Absicht miteinander vermengt. Es kann sein, daß die Osteuropa-Historikerin mit der Abstraktheit demokratischer Gesprächsregelungen überfordert ist oder diese ihr schlicht zu lästig sind. Mir schrieb sie "Danke, Frau Lehrerin, darf ich mich wieder setzen? Oder muss ich noch in der Bioecke stehen?" und warf mir eine  "Gerichtshof-Attitüde" vor, mit der ich jeden "auf die Anklagebank" sezte, "der sich diese Sache nicht so zur Herzenssache macht wie Sie es tun". Wer auf vorhandenes Recht, Orientierung an demokratischen Werten und bürgerliche Vernunft pocht, wird damit also zum humorlosen Anti-Sponti und spießigen, pedantischen Bürokratengeist. Ohne Demokratie geht viel lustiger.

Bei oberflächlichem Blick auf die Freundesliste von Dr. Wendland (es könnten sich dort auch z.B. weiterhin linksradikale Personen befinden, hier soll keine Aussage über eine eindeutige, ausschließliche Verortung in einem rechten Lager gefällt werden - mir persönlich fallen vielmehr Querfrontlogiken auf) finden sich dort - neben Jörg Baberowski selbstverständlich - öffentlich aktive Personen wie die AfD-freundliche Publizistin Cora Stephan*, ein auffälliger FDP-Vertreter namens Klaus Haase, der nach migrantenfeindlichen, zynischen Äußerungen zum Terroranschlag in Paris gerade noch so eben an einem Parteiausschluß vorbeischrammte, Michaela Wettering, die innerhalb der CSU dem sogenannten "Konservativen Aufbruch" angehört (einem Zusammenschluß von Gegnern der merkelschen Flüchtlingspolitik), und ihr achgut-Kollege Wolfram Ackner. Auch Alexander Meschnig, ein weitere achgut-Autor, kommentiert auf Wendlands Seite. Letzterer schreibt zum Beispiel Artikel darüber, wie die "massenhafte Zuwanderung aus arabischen und afrikanischen Ländern [...] faktische Umwälzungen in Europa" erzwinge ("Wie der Frosch im heißen Wasser"). Er bezieht sich dabei u.a. auf die Zeitschrift/das Verlagshaus "TUMULT", die ihrerseits Denkern der sogenannten "Konservativen Revolution" huldigt.

Damit sind im Prinzip auch schon die Eckpunkte eines rechtskonservativen bis neurechten Diskurses skizziert, der sich zwischen einem rechten FDP-Flügel, rechtskonservativen Vereinigungen innerhalb der CDU bzw. vor allem CSU (wie der "Konservative Aufbruch", bzw. auch "Konrads Erben", bestehend aus KAS-Altstipendiaten) und ehemaligen AfD-Leuten um Bernd Lucke (zwischenzeitlich in der Partei ALFA versammelt, heute als "Liberal-Konservative Reformer" bekannt), sowie anderweitig (teils in Kleinstparteien) organisierten Rechtslibertären aufspannt. Meines Erachtens besonders eindrücklich verkörpert wird dieser politische Bereich durch das Online-Medium und die heutige Monatszeitschrift "Tichys Einblick", die ebenfalls mit "achgut" verflochten ist. Es ist dies das Umfeld, aus dem heraus immer wieder bürgerlich eingekleidete Angriffe auf Muslime, Muslimophile und Migrantenverteidiger erfolgen. 

Unterstellerischen Wahn warf mir Anna Veronika Wendland im Anschluß an meine Thematisierung muslimischer Rechte und deren Verletzungen vor. In meiner Arbeit geht es um einen Völkermord, der vor dem Hintergrund christlich-muslimischer Antagonismen und dem kreuzzüglerischen Projekt einen imaginären, neu zu erfindenden (russisch-)byzantinischen Reiches verübt wurde. Daß sich jemand anläßlich einer Debatte um religiöse Steretypen, antimuslimische Diskurse und Behinderung von Aufarbeitung genozidaler Gewalt am mutmaßlichen Geisteszustand seines Gesprächspartners stört, er/sie selbst sich aber in die Gegenwart von Klimaskeptikern, Technikgläubigen, Genderhysterisierten, False-Flag-Entlarvern und Fake News-Verbreitern, Untergangsphantastikern und Islamophoben begibt, also in Kreise, die u.a. glauben oder doch zumindest behaupten, Europa würde fremdstämmig unterwandert und solle zum Khalifat umgewandelt werden, nachdem die osmanische Eroberung von 1683 gescheitert war, bildet durchaus einen netten Kontrast. Oder eben auch nicht.

 Es ist in rechtspopulistischen Kreisen, auch etwa im Umfeld von Roland Tichys Internetplattform und heutiger Monatszeitschrift "Tichys Einblick", gerade schwer en vogue, seine Interessen wahrzunehmen, indem man seine Konkurrenten öffentlich ausstellt, verleumdet und lächerlich macht. Man glaubt in rechtspopulistischen Kreisen offenbar, ungestraft und völlig nach eigenem Gutdünken im Netz herumpöbeln und beleidigen zu können. Politische Gegner der psychischen Abnormalität zu beschuldigen, gehört zu diesem Verhaltensrepertoire dazu. Wer die entsprechenden Publikationsorgane und ihre Vertreter schon einmal online kritisiert, von einzelnen Autoren gestreute Fehlinformationen auseinandergenommen hat, dürfte Ähnliches bereits erlebt haben - zumindest der Lüge und Heuchelei, der Takiya, bezichtigt worden sein. Ausgewählte Individuen (oft genug in der Öffentlichkeit stehende Muslime) werden mit ganzen Artikeln - zwischen prosagewordenem Steckbrief und Psychogramm changierend - beehrt. Henryk M. Broder, und das liest sich schon fast wie eine Strategie zum Erringen kultureller Hegemonie, läßt uns in einem Anflug halber Selbstkritik zu seinem Umgang mit Normalität und Devianz wissen:  

"Dabei will ich nicht ausschließen, dass ich der Irre vom Dienst bin und diejenigen, die ich für gaga halte, pumperlgsund sind. Wer oder was irre ist, hängt davon ab, wer in einer Gesellschaft das Sagen und die Deutungshoheit hat.“       
- Henryk M. Broder -


Wendland kennt allerdings die Zusammenhänge, von denen bei mir die Rede war, natürlich besser als jede(r) andere, vielleicht sogar ohne alles Nachlesen. Sie steht außerdem über ihrem publizistischen Kontext und dessen Gepflogenheiten. Zum Genderwahn, zu PC-Religion, dem irren Kult um Frauen- und Homosexuelle, Gesine Schwans wirren Muslim-Juden-Vergleichen, irreführenden Klimaschutzabkommen, der Realitätsverweigerung der Altparteien, einer Bevölkerung, die am "Mehrheiten-Stockholm-Syndrom"  oder am "Wahn von der bunten Republik" leidet  und einer Islamexpertin namens Lamya Kaddor, die "einen an der Klatsche" hat, wenn sie auf Henryk M. Broders und Roland Tichys Rolle bei der Entfaltung von Haßkampagnen hinweist, haben sich nun auch noch die fixe Idee von Menschenrechten und Wahrung des Völkerrechtes sowie meine höchstpersönliche Obsession mit wissenschaftlicher Redlichkeit hinzugesellt:











* Die Publizistin Cora Stephan ist auch mit einer eigenen Autorenseite auf dem AfD-nahen Blog "Freie Welt" vertreten.


Mittwoch, 17. Mai 2017

Rechtspopulistische Anklänge bei Anna Veronika Wendland

Anna Veronika Wendland ist Osteuropa-Historikerin. Sie ist am Herder-Institut in Marburg angestellt und beschäftigt sich vorrangig mit der Geschichte der Ukraine sowie auf vergleichender Basis mit "Atomstädten" in Osteuropa und - allgemeiner - Umweltgeschichte. Von der grünennahen Boell-Stiftung wird sie als "Fachbeirat" für den Bereich "Europa/Transatlantik" geführt, im Dezember 2016 ist sie noch bei einer Boell-Veranstaltung zu "Tschernobyl – Wendepunkt oder Katalysator" als Rednerin aufgetreten. Seit 2016 ist Wendland auch im sogenannten "Petersburger Dialog" vertreten - von dessen jüngerer Umstrukturierung hatte man sich erhofft, daß das Dialogforum sich auch kritischeren Perspektiven auf Rußland öffnen und nunmehr nicht mehr vorrangig als Sammelbecken für sogenannte "Rußlandversteher" und als deren Vertretung fungieren werde. Auf publizistischer bzw. populärwissenschaftlicher Ebene tritt Anna Veronika Wendland als dezidierte Befürworterin von Kernkraft hervor.

Dr. Wendland war mir vor allem bekannt durch ihre Aktivitäten im Zuge des Rußland-Ukraine-Konfliktes und aufgrund ihres Eintretens für die nationale Souveränität der Ukraine. Im Laufe des letzten Jahres ist sie allerdings - leider - in zunehmendem Maße in fragwürdigen Kontexten, mit eigenen problematischen Verhaltensweisen und entsprechenden rhetorischen und geistigen Anverwandlungen in Erscheinung getreten. Hier sollen die Implikationen für einen demokratischen Umgang mit Minderheiten, insbesondere muslimisch geprägten, und für die Gewährleistung fairer Rahmenbedingungen für gesellschaftlich kontroverse Debatten hervorgehoben werden. Mir geht es im Folgenden primär um die Wortwahl, Denkfiguren, Argumentationsmuster und Diskursethik, d.h. die Metaebene und mögliche Subtexte sowie die indirekten Aufschlüsse über das Demokratie- und Pluralismusverständnis der jeweiligen Autoren. Zudem geht es mir zugegebenermaßen um die medialen/politischen (islamophoben) Kontexte, in die Wendland sich im wahrsten Wortsinnne ein-schreibt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kernenergie, bzw. eine Beurteilung des Für und Wider und der Argumentation Wendlands in diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle nicht vornehmen sondern zunächst Anderen überlassen. 

Im Reich der Guten/ Broders "achse"

Seit März 2016 schreibt Anna Veronika Wedland in unregelmäßigen Abständen für den bekannten Autorenblog "achgut" - bzw. ausgeschrieben die "Achse des Guten“. Dieser Blog wurde im Jahr 2004 von Henryk M. Broder, Michael Miersch und Dirk Maxeiner ins Leben gerufen. Der jüdischstämmige Publizist Broder war im Laufe seiner publizistischen Biographie von linken und linksliberalen Positionen – über berechtigte Kritik an antisemitischen Grundtendenzen in der deutschen Linken – nach rechts gewandert. In den letzten Jahren wurde sein Blog besonders in neurechtem Umfeld populär. "Achgut" weist oder wies zeitweise inhaltliche wie personell nicht zu vernachlässigende Schnittmengen zu rechtslibertären Kreisen (z.B. zum Publikationsorgan “eigentümlich frei”) und AfD-nahen Medienplattformen wie “Freie Welt” von Beatrix von Storch bzw. ihres Ehemannes Sven von Storch auf. Der Blog bietet laut eigener Auskunft “Raum für unabhängiges Denken”, über seine Autoren wird behauptet, sie “lieb[t]en die Freiheit und schätzte[t]en die Werte der Aufklärung”, außerdem seien sie “skeptisch gegenüber Ideologien”.

Das Liberalismusverständnis des Herrn Broder ist jedoch ein merkwürdiges, man kann es als zumindest teilsweise identisch mit dem wirtschaftsliberaler bzw. rechtslibertärer Denker betrachten; es unterscheidet sich damit von "mittigeren"  Auffassungen von Rechten und Pflichten innerhalb einer demokratischen Grundordnung. “Freiheit” für achse-Autoren scheint ganz wesentlich darin zu bestehen, sich selbst größtmöglichen Ellenbogenraum zu verschaffen – die Freiheit zu hetzerischen bzw. volksverhetzenden Kommentaren und Darstellungsweisen inbegriffen. Für letztere kann exemplarisch und symbolhaft Akif Pirinccis “Das Schlachten hat begonnen” stheen, das “den” Türken und Arabern in biologistisch eingekleideter Sprache genozidale Absichten in Bezug auf die Einheimischen” (teils auch ist auch nur von„deutschen Männern“ als Opfergruppe die Rede) unsterstellt, damit eine typisch neurechte semantische Umkehr betreibt.

Vordergründig ist der "achse"-Blog anti-antisemitisch und israelfreundlich. Es haben jedoch verschiedentlich namhafte Analysten neurechter Diskursstrategien darauf hingewiesen, daß vordergründig "judenfreindliche" Haltungen als Bemäntelung rechten Gedankengutes dienen können, damit Mimikry betrieben wird, um rechtem Gedankengut eine möglichst breite Akzeptanz zu verschaffen bzw. es lange genug unter dem gesellschaftlichen „Radar“ hindurchgehen zu lassen. So erklärte etwa Ario Ebrahimpour Mirzaie auf dem Zeit-Störungsmelder, daß Rechtspopulisten, gerade die im Umfeld des islamophoben Hetzportals Politically Incorrect (kurz: PI),  Muslime als Anhänger eines „Islamo-Faschismus“ brandmarken, um sich selbst in die Widerstandstraditionen des 3. Reiches einreihen und als diejenigen darstellen zu können, die die „wahren Lehren“ aus der deutschen Geschichte gezogen hätten. Die heutige "achse" bedient derartige Diskurszusammenhänge ebenfalls, überhaupt ist auf  Überschneidungen der Achse mit der Internetplattform „Politically Incorrect“ hinzuweisen. PI wird von Michael Stürzenberger mitgetragen und wurde dafür bekannt – im Gespann mit „achgut“ – regelmäßig Haßkommentare und Shitstorms gegenüber denjenigen zu schüren, die sich muslim- und migrantenfreundlich äußern.
 
Eine der Hauptattraktionen des Autorenblogs “achgut“ ist in der Tat die "Islamkritik". Wendlands „Achse des Guten“-Gastartikel haben bislang ausnahmsweise Atomkraft zum Hauptthema, gehabt um Islam, Migration, kulturelle Diversität etc. geht ihr es nicht. Sie schließt jedoch – indirekt zumindest – an das typisch neurechte Wettern gegen „politische Korrektheit“ an und behandelt damit auch Meinungsfreiheit und demokratischen Pluralismus als Subthemen, fördert gar merkwürdige eigene verbale Verhaltensweisen und politische Einstellungen zu Tage. Daß Anna Veronika Wendland sich zwischen extremistische, „islamkritische“ und migrantenfeindliche Autoren einreiht und sich an einem derartigen Blog beteiligt, empfinde ich bereits für sich genommen als anstößig. Einen legitimen, plausiblen Grund für die Wahl einer derartigen Publikationsplattform, der deren antidemokratische und freiheitsfeindliche Seiten aufwiegen würde, kann ich mir nur schwer vorstellen bzw ein solcher müßte wohl noch gefunden werden. 

Atomkraftbefürwortung paßt allerdings insofern ganz gut zum Profil des broderschen Autorenblogs, als sich dort gerne Klimaspektiker, Marktradikale, Umweltschutz-Kritiker und Gentechnik-Befürworter an ihren „Widersachern“ abarbeiten. Mitbegründer des Blogs waren 
Michael Miersch und Dirk Maxeiner, die von Kritikern wie dem BUND als „Industrielobbyisten“ beschrieben werden (siehe auch hier). Besonders auf Welt-Online ist das Autorengespann auch mit Kernenergie-freundlichen Artikeln vertreten.  Miersch schied im Jahr 2015 aus dem Blog aus, da ihm dessen Verteidigung von AfD, Pegida und “ähnlich gestrickte[n] Protestbewegungen” zu weit ging; er wolle, so in eigener Formulierung, sich “nicht mehr täglich ärgern, wenn Menschen verbal ausgegrenzt und herabgesetzt werden, weil sie als Moslems geboren wurden”. Er störte sich besonders an einem apokalyptischen Tonfall sowie “einem kruden Freund-Feind-Denken”. Entsprechende Nebenthemen wie „Gentechnik-Paranoiker“ oder ein Eintreten gegen die „Bekämpfung des Tabaks“ sind „achgut“ neben seinem Hauptbetätigungsfeld - dem des „Warnens“ vor dem Islam - jedoch erhalten geblieben. 

Die "Menschenverächter"

Im "achgut"-Artikel "Und plötzlich bist Du Menschenverächter" vom  29.4.2017 inszeniert sich Anna Veronika Wendland als kühl denkende Verantwortungsethikerin. Sie stößt sich an „entrüsteten Zuschriften“, die sie auf einen kurz zuvor auf der - laut eigenen Angaben unabhängigen Plattform - „Nuklearia“ veröffentlichten Artikel erhalten habe. Sie sei als menschenverachtend, „relativierend“ und zynisch hingestellt worden. Das schüchtert anscheinend ein: „Denn wer möchte sich dem Vorwurf aussetzen, er oder sie sei hartherzig einem Menschenschicksal gegenüber?“. Durch ihren Artikel ziehen sich dunkle Ahnungen von Zensur/repressiver Diskursbeschränkung und Kontrollversuchen, das Schreckgespenst eines egoistischen, kurzsichtigen, wenig am Allgemeinwohl orientierten Gegners sowie die Vorstellung einer eigenen Sonderrolle als einsamer, mutiger, kritischer Warner und Mahner, der allen Widerständen und Schmähungen zum Trotz für das steht, was er für wahr hält und durchzieht, was er (oder sie) für den Erhalt und das Wohl der Gesellschaft für unerläßlich hält. 
 
Wendland gibt vor, für ein rationales Abwägen von Argumenten zu stehen. In ihrem Text treffen jedoch bildhaft zwei Gruppierungen aufeinander. Auf der einen Seite befinden sich Frau Wendland, „Wissenschaftler oder auch Politiker“, „Entscheider und ihre wissenschaftlichen Berater“, die eine „Kontrontation mit den Tatsachen“ suchen und „kognitiven Operationen“ nachgehen, sorgsam gegeneinander aufrechnen und vergleichen, anderen „zu bedenken“ geben, sich in einem „Abwägungsprozess“ befinden, um dann letztendlich „allgemeinverbindliche Entscheidungen für viele fällen“ bzw. eine „bestmögliche Entscheidung“ treffen zu können. Es sind die, die ihre Verantwortung wahrnehmen, es ist die Seite der Atomkraftbefürworter. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Frau Wendland Leserbriefe schreiben, die „Kritiker“, die „Gesinnungsmenschen“, die „moralisch Unanfechtbaren“, die sich „überlegen“ sollten, „auf wen sie ihren ersten Stein schleudern“ und diejenigen „Gruppen, die gar nicht an der Schnittstelle von Machbarkeit und Akzeptanz für das Gemeinwohl streiten und arbeiten wollen“. 
 
Auf der anderen Seite scheint durchweg aus dem hohlen Bauch heraus entschieden zu werden; man ist „eifrig und optimistisch“; man verwechselt Sachverhalte; man baut nicht auf reale Gegebenheiten, sondern auf Diskurse des „Entsetzlichen und Verwerflichen“, man hängt einer „Mythenbildung“ nach und beschwört; man hat (wohl in seinen irrationalen, quasi-religiösen Verhaltensweisen) „einen gut funktionierenden Industriezweig geopfert“, man verhält sich inkonsequent in seiner Kritik; man „zerstört“ mehr, als man aufbauen würde; man handelt fahrlässig, unverantwortlich, „hastig“, „parteiisch“ und hat „den Verstand abgeschaltet“. Dabei sind die Atomkraftgegner durchaus nicht uneigennützig: Sie „streiten und arbeiten“ nicht für die Gesamtgesellschaft, sondern verweisen „meist“ auf „Einzelschicksale im Familien- und Bekanntenkreis“, argumentieren mit „Leidensgeschichten“, während der „Wissenschaftler oder auch Politiker [...] jenseits des Individualschicksals Bewertungen abgeben und Entscheidungen zu fällen hat“. 

Tatsächlich argumentierte Wendland in ihrem Nuklearia-Artikel aber selbst mit als autoritativ gesetzter persönlicher Erfahrung ("ich weiß aufgrund meines ukrainischen Familienkontextes wirklich, wovon ich spreche"). Die Gegenseite scheint in ihrer Darstellung auf "achgut" kein einziges vernünftiges Argument zu besitzen oder auch nur eine Beobachtung vorgebracht zu haben, die eine genauere Analyse und ernsthafte Diskussion verdienen würde. Nur einmal ist im dortigen Zusammenhang auch von "„Techniksoziologen und -ethikern“ auf Seiten der Atomkraftkritiker die Rede, ihnen werden allerdings „Kernverfahrenstechniker[..] und Fachleute[..]“, also wohl die echten, naturwissenschaftlichen Fachleute, gegenübergestellt.

Die Opferfixierten

Die Atomkraftgegner charakterisiert eine „Opferfixiertheit“, sie weisen sich damit selbst eine herausgehobene Stellung zu. Sie „müssten sich konsequenterweise fragen lassen, was die Atomindustrie und ihre Opfer so heraushebt, was sie so besonders inakzeptabel macht vor anderen Opfergruppen“, meint Anna Veronika Wendland. Kurz: Die andere Seite denkt und handelt auf sich selbst, die eigene Familie, den Freundes- und Verwandtenkreis bezogen und drangsaliert den kühlen Sachverstand mit moralisierenden Vorwürfen. Die andere Seite ist auch schuld daran, „dass deutsche Expertise auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit international an Einfluss verliert“, sie macht aus Deutschland damit ein „innovationsmüdes Abwicklungsland“. 
 
Wendland wiegt in ihrem achgut-Artikel somit gerade nicht auf nüchterne Weise Argumente gegeneinander ab, sie baut auf abstrakte, schematische Weise zwei Gruppierungen gegeneinander auf. Ihr eigener Ton ist schrill und gleichzeitig larmoyant, der Text besteht wesentlich aus dem Ausbreiten grobschlächtiger Freund-Feind-Schemata. Die Atomkraftgegner handeln billig und wohlfeil bzw. opportun, während Frau Wendland sich mutig und einsam dem Zeitgeist entgegenstellt, wobei ihr dabei ein kalter Wind ins Gesicht bläst. Wer es wagt, den Opfermythos der Atomkraftgegner, d.h. das „Argument auseinander zu nehmen und nach tatsächlichen Opfer-Verhältnissen zu fragen“, der wird anscheinend in ironischer Verwicklung des Schicksals alsbald selbst Opfer von Meinungsbeschränkungen oder zumindest der hypostasierten Absicht dazu. Den Bruch bzw. Widerspruch in ihrer eigenen Argumentationslogik scheint Wendland hier nicht bemerkt zu haben. 
 
Die Gegenspieler Frau Wendlands würden „lieber alles dafür tun, eine Option erst gar nicht in die Nähe der Akzeptanz kommen zu lassen“ . Ihre Gesinnungsethik und ihre moralisierenden Vorwürfen sind geeignet, andere zum Schweigen zu bringen. Sie bedienen sich unterschiedlicher Strategien, um „Diskussionen im Keim zu ersticken“ und haben „Diskussionen abgeschnitten, bevor sie beginnen konnten“. Die Kernkraft-Historikerin will einen „typischen Diskussionsverlauf“ erkannt haben, in dem die Ursache dafür liege, daß „sich hierzulande niemand mehr“ traue (ja, sie schreibt tatsächlich „niemand“), „eine sachlich-kritische Diskussion über die Energiepolitik unter Einbeziehung der nuklearen Option noch durchzustehen: man will sich nicht als nuklearer Volksverräter und Menschenfeind hinstellen lassen“. Ausgenommen natürlich Frau Wendland selbst. Einem „Schwall von schmähenden Zuschriften“ ausgesetzt fordert sie dennoch „Mut, Optionen und Entwicklungspfade abzuwägen, die Gelassenheit, in einer emotional aufgeheizten Atmosphäre Zeit zum Einholen von Expertise einzufordern, und die Zähigkeit, auf die Ergebnisse zu warten“. 
 
Es liegt meines Erachtens hier ein Text vor, der sich dem typisch rechtspopulistischen „Man nimmt mir meine Meinung weg“-Geschreie deutlich annähert. Anna Veronika Wendlands Parforceritt durch das erstickende, erdrückende Unterholz, das in den giftgefüllten Gärten diktatorisch gesonnener Umweltschützer offenbar wuchert, läßt einen etwas sprachlos zurück. Natürlich sollte Kritik ihrem Gegenstand angemessen und einigermaßen sachlich sein, müssen auch dem Gegner Respekt gezollt und argumentative Fairness gewährt werden. Shitstorms oder auch hämische Zuschriften können verstörend und lähmend wirken, keine Frage. Allerdings werden in Wendlands hier analysiertem "achgut"-Text die Proportionen nicht mehr gewahrt. Es fehlt - auf für rechtspopulistische Zusammenhänge typische Weise - ein gewisser Sinn für Verhältnismässigkeit.

Während in rechtspopulistischen „Zensur“-Diskursen kaum je benannt wird, was denn nun wirklich durch wen unmittelbar gefährdet gewesen sein soll und wo reale Konsequenzen zugeschlagen hätten, wird von Wendland zumindest besagter „Schwall von schmähenden Zuschriften“ benannt. Dieser dürfte jedoch allerdings bestenfalls ein psychologisches Hemmnis bzw. eine gefühlsmäßige Beeinträchtigung gebildet haben. Und waren es nicht gerade nicht die „Wissenschaftler“, „Politiker“ und „Entscheider“ gewesen, die sich gegen Wendlands „Nuklearia“-Artikel gestellt hatten? Waren das nicht sondersamt laienhafte Leserbriefschreiber und unbedarfte, ein wenig selbstfixierte Trottel gewesen? Sollten diese "Gegner" nun so furchtbar relevant sein und massiv einschüchternd wirken?
Auf Nuklearia und achgut sind nicht einmal mehr Spuren von hämischen, schmähenden Kommentaren zu finden – so denn entsprechende Ansichten und Wertungen überhaupt je öffentlich geäußert und nicht nur in stiller Privatheit verschickt wurden. Beeinträchtigt etwas scharfe Kritik, die mit den Begriffen "zynisch" und "menschenfeindlich" hantiert haben soll, eine vielfach ausgezeichnete deutsche Geisteswissenschaftlerin, die von derartigen  "Kritikern" nicht beruflich und finanziell abhäjngig ist, auf konkrete, lebenspraktische Weise? In was oder mit was wäre sie tatsächlich bedroht?

In Wendlands hier herausgegriffenen "achgut"-Text, in dem es zwar nicht um Islam, kulturelle Vielfalt und andere typische Reizthemen, doch aber um Meinungsfreiheit und das Thema (zumindest verdeckter) politischer Repression geht, werden  typische rechtspopulistische Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, wenn auch in rudementärer Ausführung, präsentiert. Dazu gehört auch, daß vieles, allzu vieles, um die eigenen, (empfundenermaßen) erlittenen Beschränkungen und Nachteile, fragile Gemütslagen und überraschend sensibel registrierte Schadensbilder kreist. Die Verhältnismäßigkeit bleibt hier auch gerade insofern nicht gewahrt, als bei Beschimpfungen und Androhungen realer Gewalt im Netz die hier genannten rechtspopulistischen Publikationsorgane selbst eine Art Vorreiterrolle spielen. Von achgut- und PI-Kreisen werden regelmäßig an fremdstämmige“ Zielgruppen, anders Meinende oder Gegner ihres Tuns entsprechende Einschüchterungsmanöver ausgessandt - diese sind auch dokumentiert worden. Zudem finden hier in aller Öffentlichkeit publizistische Verleumdungen und Verhetzungen statt. Letzteres dürfte sogar einen Gutteil des Charakters von „achgut“  und "PI" und einen Teil der Faszination bei ihren Lesern ausmachen; es ist für den "achgut" Blog und seine Außenwahrnehmung sicher sehr viel zentraler als die Atomkraftbefürwortung und Technikbegeisterung.

Internet-Haßpropaganda, "fehlende Meinungsfreiheit" und "Zensurabsichten"

Daß "islamkritische" Medien auch jenseits ihrer engeren Themengebungen nicht guttun, könnte man u.U. daran ablesen wollen, daß sich neurechte Rhetorik und Argumentationsfiguren mittlerweile bei Anna Veronika Wendland auch außerhalb des Publikationskontextes niederschlagen:
Am 20. April (2017) postete Wendland auf Facebook einen (schon älteren) SZ-Artikel, in dem es um den Umgang mit rechten Äußerungen in sozialen Medien ging. Sie verknüpfte den Post mit einem längeren Kommentar, betitelt mit "Die Freiheit der Andersdenkenden". Der Autor Stephan Urbach hatte in seiner Einleitung folgendes geschrieben:
"Machen wir uns nichts vor - Twitter ist nicht nur toll und schön. Es tummeln sich dort allerlei Menschen, die gar merkwürdige Ansichten vertreten: Atomkraftbefürworter, Maskulisten, Evolutionsleugner, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Nazis. Sie alle haben gemein, dass sie gerne und oft ihre teilweise kruden Thesen und Meinungen ins Internet posaunen. Es ist alles dabei, auch in Deutschland strafrechtlich relevante Inhalte."

Hieran richtete Wendland ihren gesamten Kommentar aus, auch wenn es im übrigen SZ-Artikel sehr eindeutig um rechte Haßpropaganda und den möglichen Umgang damit ging. Sie wirft Urbach, der möchte, daß "alle Plattformen Nazi-Propaganda löschen" und " keine Öffentlichkeit für Rechtsradikale" mehr erlaubt wird, vor, in Wirklichkeit nicht für freie Meinungsäußerung und den Schutz derselben zu stehen, aus seinem Text spreche vielmehr, so die Osteuropa-Historikerin, ein "Möchtegern-Zensor". Er wolle, "was ihm politisch nicht passt, zum Verschwinden bringen". Besonders sieht Anna Veronika Wendland sich selbst betroffen und verunglimpft. Sie stört sich an der Aufzählung von Atomkraftbefürwortern an der Seite von Verschwörungstheoretikern, Antisemiten, Evolutionsleugnern und anderen Menschen mit, grob gesagt, komischen Ansichten, und hält entgegen:
"Abgesehen davon, dass es "Maskulinisten" heißen müsste, offenbart diese Aufzählung in absteigender Reihe vom Schrecklichsten zum Furchtbaren, an deren Spitze die "Atomkraftbefürworter" noch vor den fein gestaffelten Obskurantisten, Antisemiten und Nazis stehen, das ganze Elend unserer Klasse der selbsternannt Gerechten und Selbstgerechten - als Gutmenschen möchte ich sie gar nicht bezeichnen [...]."

Urbachs Feststellung, daß Meinungsfreiheit da endet, wo die Rechte anderer Menschen verletzt (bzw sie "diskriminiert und unterdrückt") werden, bezieht Wendland unmittelbar auf ihre eigene Person und ihre eigene politische Positionierung - auch wenn es im gegebenen Kontext nicht um Atomkraftbefürwortung, sondern rechte Haßpropaganda geht. Ihre Klage gegen den vermeintlich ihre Freiheiten einschränkenden Artikel lautet: "Aha? Welche Menschen diskriminiere ich denn als Befürworterin der Kernenergie? Die Atomgegner, die ich mit einem Sachargument zu überzeugen versuche? Und woher nimmt Herr Urbach das Recht, mich zu diskriminieren, nur weil ich eine bestimmte Technologie nicht verdammen mag, obwohl der deutsche Gemein-Sinn mir das vorschreibt?"  

Urbach hatte in seinem Artikel eine Meinung geäußert, Wünsche, Einschätzungen, Ratschläge und Ansichten zum Ausdruck gebracht - Wendland scheint das nicht zu verstehen oder gezielt zu übersehen. Man könnte schon fast meinen, Urbach hätte sie höchstpersönlich, unter Namensnennung angrgriffen und ihre Atomkraftbefürwortung mit entsprechenden Konsequenzen belegt. Die eigenen Möglichkeiten, ihre verbrieften freiheitlichen Rechte wahrzunehmen, betrachtet Wendland - so geht es zumindest aus dem Kommentar hervor - als quasi unmittelbar gefährdet. Sie bedient sich damit, ob nun implizit oder bewußt, der gerade bei Rechtspopulisten so beliebten und gängigen Strategie der "Selbstviktimisierung". Hierzu hat Daniel-Pascal Zorn, Philosoph und Literaturwissenschaftler, dargelegt, daß eine Selbstviktimisierung als (rhetorische) Strategie, im Unterschied zu einem echten Opferdasein, dann vorliege, "wenn eine Tat tatsächlich gar nicht stattgefunden hat, wenn der Andere, der als Täter hingestellt wird, in Wirklichkeit gar kein Täter ist".

Zorn erwähnt auch, daß nicht in allen Fällen ein tatsächlicher von einem imaginierten Opferstatus zweifelsfrei zu unterscheiden sei und präzisiert demzufolge: "Der Verdacht erhärtet sich allerdings in Kontexten zur Gewissheit, in denen sich Teilnehmer in der Diskussion selbst zum Opfer erklären, ohne diesen Status in irgendeiner Weise begründen oder nachweisen zu können. Die Selbst-Viktimisierung entfaltet dabei eine fehlschlüssige Struktur, die den Anwender selbst in die Überzeugung hineintäuscht, Opfer einer Tat zu sein." Der Anwender dieser Strategie ist damit auch auf eine Unterstellung angewiesen: Er muß sich in die Rolle des vermeintlichen Täters versetzen und diesem entsprechende repressive Ansichten unterschieben. Dies tut Wendland mit Stephan Urbach, der keinerlei Forderungen nach einem Redeverbot für Kernkraftliebhaber aufgestellt hatte.

Frau Wendland erwähnt auch in ihrem Facebook-Kommentar zu Urbach keine entsprechenden Belege und Indizien für den von ihr beanspruchten Status als potentielles Opfer- ihre gesellschaftliche und berufliche Stellung korrespondieren ohnehin wohl kaum mit der Befürchtung, ihre Möglichkeiten zur Publikation und Meinungsäußerungsplattformen weggenommen zu bekommen. Sie macht nicht plausibel, wo sie sich nicht hätte äußern können bzw. wie und von wem ihr eine Behinderung in ihrer freien intellektuellen Entfaltung denn konkret drohe.
  
Die verkannte Gefahr des "Islamfaschismus"

Tatsächlich aber scheint Wendland in Atomkraftbefürwortern eine Art diskriminiertes Völklein erkennen zu wollen, und verweist an ihrer Stelle auf Andere, die ein viel schlimmeres, größeres und dabei auch übersehenes (bzw. beschwiegenes) Problem bildeten: Gewalttäter und Terroristen mit islamischer Ideologie bzw. islamischer Rechtfertigung. Implizit fallen damit nicht nur Atomkraftbefürworter, sondern auch die deutschen Nazis mit unter den Tisch. Sie schreibt:
"Angesichts dieser Hysterisierung der Atomdebatte verwundert es doch immer wieder, dass die aktuell mörderischsten Islamfaschisten in den Monstrositäts-Listen unserer Kämpfer für die Gute Meinung fehlen. Offensichtlich sind die "Atomkraftbefürworter", die, man glaubt es nicht, sich auf Twitter doch tatsächlich zu äußern wagen, gefährlicher als die Kopfabschneider."

Hier bedient sich Wendland, ohne jeglichen intellektuellen Vorbehalt, ohne Begriffsklärung und entsprechende Zusätze bzw. erläuternde Beschränkung, des rechtspopulistischen Kampfbegriffs vom "Islamfaschismus" oder auch "Islamofaschismus". Das Konzept des "Islamfaschismus" wurde in Deutschland vor allem durch den ägyptischstämmigen Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad populär gemacht. Es besagt in der samadschen Variante nicht, daß extremistische Auslegungen einzelner Ideologien und Weltanschauungen sich einander anverwandeln würden oder könnten und - bedingt - auch miteinander austauschbar wären, etwa wenn ehemalige Nazis zu besonders radikalen, militanten Ausprägungen des Islam konvertieren. Es richtet sich vielmehr auf den Kern des muslimischen Glaubens selbst und behauptet, dem Islam seien faschistische Wesenszüge immanent. 

Das Konzept ist damit (in seiner üblichen Verwendung) kein deskriptives und analytisches, es speist sich aus spekulativen Betrachtungen zur Frühgeschichte des Islam und seiner weiteren, als weitgehend bruchlos und einheitlich wahrgenommenen Entwicklung, die Samad laut Urteil vieler Fachleute weder politisch/weltanschaulich neutral noch besonders fachgerecht durchgeführt hat. In die Debatte eingeführt wurde die Wortneubildung (und hier bedanke ich mich für den Hinweis und weitere Aufklärung bei Andreas Ismail Mohr) möglicherweise durch den Autor Detlev Khalid im Jahr 1979/1980.Teilweise bedienen sich auch Vertreter eines linksautoritären Umfeldes dieses Begriffs, gerade hier kommt es aber zu Überschneidungen bzw. Brückenschlägen mit dem rechten Rand und konvergiert man im Zuge des gleichen Feindbildes. Eine  sachliche Verwendung ist zumindest ungebräuchlich. Eine unqualifizierte Verwendung kann demnach - gerade im gegebenen Kontext - kaum anders gewertet werten denn als entpsrechend polemisches Reizwort.

Durch den doch etwas längeren Kommentar Wendlands zum verlinkten SZ-Artikel ziehen sich zudem Holocaust- bzw. Völkermord-Vergleiche, die Wendland zwar ihren Gegnern, den Atomkraftkritikern zuschreibt, hier aber doch auch explizit - auf polemische Weise - von ihr im Zuge ihrer eigenen Textlogik bemüht  werden (sie bedient sich ihrer, um anderen eine "Hysterisierung" von Debatten vorzuwerfen). Mag sein, daß derartige Analogien oder Vergleiche des öfteren auch von Atomkraftgegnern gegen sie und andere eingesetzt werden; hier wirken sie, bei Nichvorhandensein im von Wendland kritisierten Kontext, schon etwas getrieben und obsessiv. In den Interaktionen mit mir hatte sie selbst ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Atomkraftbefürwortung und Genozidrevisionismus hergestellt bzw. entpsrechende Argumentationsmuster miteinander verknüpft. Dem moralgetriebenen Journalisten Urbach stellt Wendland freundlicherweise in Aussicht, daß der Bildschirm seines Laptops, so er denn weiter seine Abneigung gegen Atomkraft beibehalten wolle, auch künftig einmal dunkel bleiben und er selbst damit "bei der Ausübung Ihrer netzweiten Meinungsfreiheit" behindert werden könnte.

Zwischen Klimaskeptik, Fortschrittsgläubigkeit und Genozidrevisionismus 

Mehrere Artikel hat Anna Veronika Wendland auch im Magazin "Novo-Argumente" platziert - einer davon ist identisch mit einer Veröffentlichung auf "achgut". Auch im Folgenden wird es mir nicht um eine Atomkraftbefürwortung oder -ablehung als solche gehen, sondern um grundlegendere politische Einstellungen,solche zu Demokratie und Meinungsvielfalt, zur Würde und den Rechten seiner Mitmenschen, wie sie sowohl durch die atomkaftfreundlichen Veröffentlichungen im Magazin als auch ihren weitergesteckten medialen Rahmen zum Ausdruck kommen. Das Magazin ein wenig unter die Lupe zu nehmen, lohnt besonders, da es eine interessante Geschichte besitzt, die Aufschlüsse bietet über die sozialen und politischen Transformationen bestimmter deutscher (bzw. europäischer) Milieus.

Novo Argumente steht laut eigener Auskunft für "unabhängigen politischen Journalismus in der Tradition von Aufklärung und Humanismus" und möchte zugleich Widerspruch provozieren sowie "Raum für Kontroversen" bieten. In einem kritischen FAZ-Artikel von Lorenz Jäger ("Die letzten Fortschrittsgläubigen") heißt es, daß viele Klimaskeptiker "ehemalige Klassenkämpfer, die sich ideologisch neu eingekleidet haben", seien. Novo Argumente wird als deutscher Ableger des britischen Magazins "Spiked" beschrieben, das vor allem für "Industrialismus als Heilslehre" und einen unbeschränkten Fortschrittsglauben stehe - darunter fallen dann eben auch klimaskeptische Positionen. Es werden erhebliche personelle Schnittmengen von Novo Argumente mit der "Achse des Guten" wie auch ideologische Gemeinsamkeiten mit amerikanischen "Neocons" ausgemacht. An Autoren, die sowohl für "achgut" wie auch für Novo Argumente schreiben, werden Dirk Maxeiner, Michael Miersch, David Harnasch, Vera Lengsfeld, Cora Stephan und Vince Ebert genannt.

Über die weitere (deutsche) Szene heißt es in besagtem FAZ-Artikel: "Umweltschutz wird mit dem Kampfbegriff „Ökologismus“ als Gedanke verblendeter Fortschrittsfeinde verächtlich gemacht.". Jäger schreibt: "Man taucht, wenn man sich in den Netzwerken der Klimaskeptiker einmal umsieht, in eine seltsame Welt ein. Es ist die Welt der alten und der gewendeten Ideologie.". Er betont, daß manchen der publizierten Meinungen nicht vor einem eigenen naturwissenschaftlichem Hintergrund, sondern vor dem kulturwissenschaftlicher Schulung Ausdruck verliehen würde. "Spiked" selbst sei aus einer trotzkistischen Gruppierung hervorgegangen, habe den Marxismus aber abgeworfen und sich an alten Überzeugungen alleine seinen Glauben an die industrielle Moderne bewahrt. Dafür kooperiere man nun auch mit finanzkräftigen Wirtschaftsunternehmen (Jäger im Wortlaut: "An die Stelle des Proletariats traten neue Freunde"). In paralleler Bewegung hierzu sei "Novo Argumente" aus einer linken Frankfurter Studierendengruppierung hervorgegangen.

Der Gründer von Novo-Argumente, Thomas Deichmann, war bekannt geworden für eine Kontroverse um ein Photo aus dem Jahr 1992, das ausgemergelte muslimische Opfer in einem serbischen Konzentrationslager zeigte. Zuvor hatte man Deichmann engagiert, um entlastendes Material für den serbischen Kriegsverbrecher Duško Tadić zusammenzutragen. Laut u.a. Lobbywatch waren Deichmanns revisionistische und apologetische Bemühungen in Bezug auf den Genozid an den Bosniern sogar noch umfangreicher und veröffentlichte Deichmann u.a. ein gefälliges Interview mit Radovan Karadžić. Das Vorläuferorgan von "Spiked" namens "Living Marxism" verlor einen Gerichtsprozeß um das laut Ansicht des Magazins gefälschte Photo und das angeblich nicht existierende serbische KZ. Wikipedia ordnet das britische Magazin "Spiked" als "libertär" ein, es wende sich neben "Ökologismus" auch gegen "Multikulturalismus". Für seine deutsche Entsprechung darf man wohl getrost von "rechtslibertären" Ansichten sprechen, die, parteienpolitisch betrachtet und von Kleinstparteien abgesehen, im Bereich zwischen CDU/CSU, einem rechten FDP-Flügel und der AfD angesiedelt sind und für die in publizitischer Hinsicht u.a. der Focus, das Monatsmagazin bzw. der Autorenblog "Tichys Einblick", Cicero sowie "achgut" stehen können.

Deichmann, der bis 2011 auch Chefredakteur von Novo Argumente war, wird von Jäger als jemand beschrieben, der sich jenseits klassischer links-rechts Schemata bewege und, "wenn es darauf ankommt, ganz ungebunden" sei: "Dann schreibt er etwa für die linksradikale, „antideutsche“, vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachtete „Jungle World“, und zwar in einem Tonfall, der der Klientel angepasst ist: In der Öko-Bewegung und der Kritik am Mais von Monsanto sieht er „rechte Nationalisten, buntgemischte USA-Kritiker, dazu Verteidiger der deutschen Scholle, allerlei esoterisch-okkulte Fortschrittsmuffel und Stammtischspezialisten fast aller Parteien“." Jäger zählt inhaltliche Positionen auf, die dem ersten Augenschein nach konservativ sind, aber sich "je nach Gelegenheit in rechten und ultralinken Publikationen artikulieren" könnten. Novo-Argumente steht damit beispielhaft für eine Transformation gesellschaftspolitischer Haltungen und Diskurse, wie sie sich auch an anderen Orten bzw. in verwandten Kontexten beobachten läßt.

Neue Argumente, frischer Wind und die AfD?

Anna Veronika Wendland scheint mit ihrer politischen Biographie zumindest in Stücken sehr gut zum Publikationsorgan Novo Argumente zu passen, beschreibt sie ihr eigenes Trajektorium doch als das einer vehementen Atomkraftgegnerin aus linksakademischem Milieu, die sich später gewandelt und, gerade auch aus "wissenschaftlicher Neugierde", einer kritischeren Sicht geöffnet habe. In eigenem Wortlaut stößt sie sich am "hegemoniale[n] Narrativ" der früheren linksgerichteten wie umweltbewegten Kreise: "Was einmal Herausforderung war, ist heute hegemonialer Diskurs - in Behörden, Schulen, Kirchen. Was nicht ins hegemoniale Narrativ passt, muss weg." Wendland scheint mir dabei allerdings den Fehler zu machen, die Intoleranz des eigenen Umfeldes und politische Haltungen, wie sie sie selbst einmal gelebt hat, als  - in eigener Wahrnehmung "Geläuterte" - schematisch und pauschal auf alle Verfechter bestimmter Standpunkte im politischen Spektrum und bestimmte Themengebiete zu projizieren. 
                          
 Darin ähnelt sie ihrem Kollegen Jörg Baberowski, den sie zwar - auf begrenzte Weise - öffentlich für seine Haltung zur Ukraine kritisiert hat, mit dem sie aber nach wie vor befreundet ist und mit dem sie doch wohl auch ein paar (eher populistische) politische Haltungen und Ansichten teilt. Meines Erachtens liegt bei den publizistischen Bemühungen beider, anstatt der versprochenen Differenziertheit und Widerständigkeit, eine weitere Form des Populismus vor, bzw. wurden alte Haltungen in veränderter Bemäntelung neu erfunden. Nun wird eben mit rechtskonservativer bis rechter Anbindung argumentiert anstatt aus der linksautoritären Ecke heraus. Im Jahr 2014 war Anna Veronika Wendland noch im redaktionellen Teil von Jakob Augsteins "Der Freitag" zu finden gewesen. Hin und wieder schreibt sie auch für die FAZ. Der Habitus von Wendland scheint damit recht gut zum linksrechten politischen Profil des Magazins "Novo Argumente" zu passen, von einer x-beliebigen Publikationsplattform, derer sich Wendland schlicht aus rein pragmatischen Gründen bedient hätte, sollte man wohl besser nicht sprechen.

Ihre jüngste Anbindung an rechtspopulistische Kreise gestaltete Dr. Wendland in Form eines Facebook-Postes zu einem AfD-Politiker, überschrieben mit "Autodafé" (der Begriff meint, hier in eindeutig ironischer Verwendung, ein Ritual der öffentlichen Buße und Reue). Sie beklagt darin, daß Rainer Podeswa anläßlich einer Landtagsrede das Opfer medialer Fehldarstellung geworden wäre. Damit hat sie Recht und auch mir stößt oftmals die Oberflächlichkeit altbekannter, vermeintlich seriöser, mittigerer Medien und eine auf Skandale, Polemisierungen und plakative Zuspitzungen bedachte Berichterstattung übel auf. Man sollte Podeswa nichts andichten und auch er verdient, wie jede Person, eine faire Behandlung durch die Presse.

 Die Art und Weise, wie sich Wendland für Podeswa einsetzt, halte ich jedoch für bemerkenswert - sie tut dies mit einigen persönlichen Sympathien. Die AfD wird von ihr - insgesamt - als Bereicherung für die politische Landschaft beschrieben:"Denn wie auch immer man zur AfD stehen mag: sie bringt jedenfalls mit ihrer krawalligen Sideshow in den deutschen Landesparlamenten jenen Wind in unsere dahindümpelnde Konsensgesellschaft, den man sich an den winterlichen Dunkelflautentagen auf unseren untätig herumstehenden Windkraftanlagen gewünscht hätte." Der "Konsensgesellschaft" wird die "veröffentlichte Meinung" beigefügt. Podeswa wird (somit: inhaltlich) dafür gelobt, daß er in seiner so mißverstandenen Rede "unsere heutige massenhafte Rückkehr zur selbstverschuldeten geistigen Unmündigkeit" aufs Korn genommen habe.

Es ist kein Verteidigen allein aus demokratischer Korrektheit heraus, sondern eine teilweise Deckungsgleichheit der Standpunkte als solcher, die mit Wendlands Positionierung zum Ausdruck gebracht wird. Wendland schreibt:
"Podeswas Aufreger war nämlich eine Satire auf unsere Energie-Ritualpolitik. Bei uns werden ja bekanntlich keine Hexen, aber immer mehr Kohle verbrannt, was historisch mit dem Großen Nuklear-Exorzismus von 2011 in Zusammenhang steht. Ihm fielen seinerzeit, ähnlich den Hexen, massenweise ältere, vereinsamte und von der Gesellschaft scheel beäugte Kernkraftwerksblöcke zum Opfer, deren Wohltaten an selbiger ihnen nicht gedankt wurden. 
Außerdem hören wir alle täglich zur Laudes, Vesper und Komplet die Liturgia in Antichristum, auf gut deutsch gesagt gegen die Kohle- und Atomlobby, die mit teuflischer Schlauheit den Heilsplan hintertreibt, den uns die Heilige Angela und ihre elftausend Energiestaatssekretäre, Landesumweltminister und Stromsparberater vorgezeichnet haben. Summa summarum ergibt das eine spezifische Kulturform, die besonders auf dem Territorium des weiland Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurzelt und offiziell, echt eschatologisch, als "Energiewende" bezeichnet wird. Gegen diese Form von Gegenaufklärung habe ich oft nichts anderes gesagt als Podeswa, und sage es auch jetzt wieder."

Das paßt mit der Beobachtung von Lorenz Jäger in der FAZ zusammen, daß man in den entsprechenden neukonservativen Kreisen nur scheinbar "an den klassischen konservativen Topos der Kritik der prometheischen Moderne" anschließe, vielmehr stattdessen "eine elitistisch-technokratische Ideenwelt" biete. Podeswa ist Klimaskeptiker. Und Gegner eine "Zwangsabschaltung" von Atomkraftwerken. Damit dürfte Wendlands auf Facebook ausgestellte Empörung darüber, daß Atomkraftbefürworter, Klimaspektiker, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Nazis von publizistischer Seite auch schon mal direkt nebeneinander aufgeführt  bzw. in den sprichwörtlichen Topf werden, doch ein wenig fadenscheinig wirken.